
Vielfältiger als man denkt ...
sind die Bezüge, die sich von einer Gefängnisausstellung zur Kultur und Geschichte, mehr noch zur alltäglichen Lebenswirklichkeit herstellen lassen.
Die nachfolgenden Beispiele sind dazu Anregung und Einstieg. Sie stammen aus Begleitveranstaltungen während der Laufzeit dieser Ausstellung in der Kasseler Elisabethkirche von Mai bis Juli 2010.

Aus historischen Predigten für Strafgefangene vor etwa 180 Jahren
Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Zeit großer Reformen im Gefängniswesen. Aus christlichem Geist und mit unbändigem Optimismus gingen die Reformer ans Werk, um die Strafgefangenen zu "bessern".
Pfarrer Rainer Lawrenz, evangelischer Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Kassel - Wehlheiden, liest aus Musterpredigten für Strafgefangene aus der Zeit um 1841. Ort der Lesung war der Gottesdienstraum der "Elwe", dem Ende 2009 geschlossenen Untersuchungshaftgefängnis Leipziger Straße 11 in Kassel. Das Gebäude wurde 1876-76 errichtet und wartet nunmehr auf eine neue Nutzung. Als die Predigten des niederländischen Philanthropen Willem Hendrik Suringar 1841 auf deutsch erschienen, stand an dieser Stelle das Stockhaus, in dem besonders gefährliche Verbrecher in Ketten gefangen gehalten wurden.
Dauer: ca. 5 Min.
Die Perspektive der Opfer - Gespräch mit Angelika Landau und Silke Emde vom Verein Opfer- und Zeugenhilfe Kassel e.V.
„Der Täter hat 6 Jahre bekommen, ich habe lebenslänglich (Sabine H., 44 Jahre, Opfer einer Vergewaltigung).“ Die körperlichen und seelischen Verwundungen nach einem Verbrechen werden bei vielen Opfern nie restlos ausheilen können. Dazu kommt das Gefühl, als Zeuge oder Zeugin vor Gericht nur funktionieren zu müssen und dann sehr bald allein und unverstanden zu sein. Angelika Landau und Silke Emde verbanden mit ihrer Erläuterung der Auswirkungen von Kriminalität aus der Sicht der Opfer Informationen über die Beratungs- und Hilfemöglichkeiten für Menschen, die von einer Straftat getroffen sind. Das Gespräch fand bei Kaffee und Kuchen (passend aus der JVA Kassel-Wehlheiden) im Seitenhof der Kasseler Elisabethkirche statt.
Dauer: ca. 3 Min.
Geschichte des Strafens und der Gefängnisse - Vortrag von Jörg-Uwe Meister, Leiter der Justizvollzugsanstalt Kassel I
Jörg-Uwe Meister berichtete in der Elisabethkirche aus der Geschichte des Strafens und der Justiz. Die Strafen in der alten Zeit waren über alle Maßen grausam: Der Delinquent wurde mit ausgestreckten Gliedmaßen auf den Boden gebunden. Dann ließ der Henker ein schweres Wagenrad auf seinen Körper niedersausen. Wenn im Urteil „von oben“ verfügt war, dann hatte der Verurteilte noch relatives Glück, denn zuerst wurde sein Hals zerbrochen und der Tod trat schnell ein. Hieß es aber „von unten“, dann wurden ihm bei lebendigem Leib durch das Rad sämtliche Glieder gebrochen – er starb einen langsamen qualvollen Tod.
Im Lauf der Geschichte drehten sich die Verhältnisse um, so Jörg-Uwe Meister. Zuerst fanden die Gerichtsverhandlungen hinter verschlossenen Türen statt, aber die Hinrichtungen waren öffentlich. Sie wurden zum Massenspektakel und waren eine höchst fragwürdige „Volksbelustigung“. Dann aber wurden die Gerichtsverhandlungen nach und nach öffentlich. Das war nebenbei eine der zentralen Forderungen im Zusammenhang mit dem Streben nach Grund- und Freiheitsrechten seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Dagegen wurden die Hinrichtungen weg vom öffentlichen Platz hinter die Gefängnismauern verlegt.
Die Gefängnisse selbst waren im 18. Jahrhundert Orte der Verwahrlosung und Brutstätten der Kriminalität. Unter dem Einfluss von Gefängnisreformern wie Heinrich Balthasar Wagnitz und Theodor Fliedner im beginnenden 19. Jahrhundert wurden sie zu „Besserungsanstalten“ mit einem auf andere Weise harten Regime: Isolierung, absolutes Schweigen, schwere Arbeit und religiöser Unterricht. In dieser Zeit entwickelte sich auch eine charakteristische Gefängnisarchitektur, deren hervorstechendste Beispiele die sogenannten panoptischen Anlagen wie das Gefängnis Kassel-Wehlheiden (1882) waren.
Im Tonausschnitt stellt Jörg-Uwe Meister Beispiele besonderer Gefängnisarchitektur aus dem 18./19. Jahrhundert vor und beschreibt die zugrundeliegenden Konzepte der Gefängnisreformer jener Zeit (Dauer: ca. 5 Min.).
Die schaurig-schönen Seiten des Verbrechens
„Das ist so schrecklich, da kann man ja nicht hinschauen“ – um diese Spannung zwischen Abscheu und Faszination ging es am 27. Mai 2010 in der Elisabethkirche.
Zusammen mit Susanne Hold von der Vorbereitungsgruppe überlegten HNA-Chefredakteur Horst Seidenfaden und HNA-Gerichtsreporterin Ulrike Pflüger-Scherb, was das Krimi-Genre eigentlich so interessant macht.
Tonausschnitt (ca. 3.5 Min.)
Ehrenamtliche Mitarbeit in der Bewährungshilfe
Ohne Führerschein Auto gefahren, im Kaufhaus gestohlen, mit Drogen gehandelt: Die Bandbreite der Straftaten ist groß, und immer steckt ein Einzelschicksal dahinter. Es gibt Menschen, die sich für ehemalige Straftäter nach deren Entlassung engagieren und sie bei den Herausforderungen des selbstverantwortlichen Lebens in Freiheit begleiten. Eine Basis für ihr Engagement ist der Verein zur Förderung der Bewährungshilfe in Hessen e.V. Aus dessen Arbeit berichtete Sibylle Lachmitz, Diplom-Sozialarbeiterin: Damit ehemalige und auch jugendliche Straftäter eine Chance bekommen.
Tonausschnitt: ca. 6 Min.
Weitere Infos finden Sie auf der Internetseite vom
Verein zur Förderung der Bewährungshilfe in Hessen e.V.
Kontakt unvermeidlich! Mein Kind und Alkohol/Drogen
Viele Freiheitsstrafen werden wegen Delikten verhängt, die mit dem Umgang und Konsum von Alkohol und Drogen zusammenhängen. Erziehende können den Kontakt ihrer Kinder mit Rauschmitteln nicht verhindern – schon gar nicht durch Verbote – sie können versuchen, mit ihnen auch über diese Themen eine vertrauensvolle Gesprächsbasis nicht zu verlieren, so rät Salome Möhrer-Nolte von der Drogenhilfe Nordhessen e.V.
Dabei bilden die Grundhaltungen „Wärme - Selbständigkeit und Freiräume zulassen - dabei zugleich klare Regeln setzen“ gleichsam ein „magisches Dreieck“, in dem gutes Reagieren auf die von den Suchtmitteln ausgehenden Herausforderungen möglich ist.
Tonausschnitt: ca. 15 Min.
Weitere Infos und Hilfemöglichkeiten finden Sie auf der Internetseite der
Drogenhilfe Nordhessen e.V.
Versuche zu Psychologie und Theologie des Bösen - Prof. Dr.Dr. Klaus Kießling, Frankfurt am Main
Angesichts von Kriegen, Terror, Naturkatastrophen, politischem und sozialem Unrecht, angesichts menschlicher Tragödien und seelischer Bedrängnis verschlägt es vielen Menschen die Sprache, stellen sie auch das Reden von und mit Gott ein. Worin liegen Wurzeln des Bösen? Der Vortrag bot zunächst Versuche zu einer Psychologie des Bösen, Fragen nach einer Theologie des Bösen schlossen sich an: Entspringt es menschlicher Freiheit – oder ist Gott verantwortlich für Böses und Übles? Welcher Umgang mit dem Bösen tut not?
Tonausschnitt von der Einführung in das Thema (ca. 6 Min.)
Stadtspaziergänge in die Kasseler Gefängnisgeschichte (13. Juni und 4. Juli 2010)
Am 13. Juni und 4. Juli 2010 führte Diakon Dietrich Fröba (Gefängnisseelsorger und zugleich Historiker) auf einen kurzen Fußweg durch die Kasseler Innenstadt, der hinter den Gefängnismauern der „Elwe“ endete, dem Ende 2009 geschlossenen Untersuchungshaftgefängnis Leipziger Straße 11. Dort berichtete Jörg-Uwe Meister (Leiter der Justizvollzugsanstalt Kassel I) von den Aufgaben und Abläufen im Justizvollzug. Trotz der fesselnden Eindrücke und Einblicke war jeder froh, dass sich für Sie oder ihn die Türen wieder öffneten, und hatte einen Eindruck davon bekommen, wie wenig Strafvollzug "Spaziergang" oder "Hotelaufenthalt" ist.
Wenn Sie die beiden Termine verpasst haben, können Sie den Spaziergang für sich selbst nachholen:
1. Station: Druselturm hinter dem Königsplatz
2. Station: Karlshospital an der Fulda (neben dem Finanzamt)
3. Station: ehemaliges Kastell an der Fulda (Willi-Seidel-Haus)
4. Station: Untersuchungshaftgefängnis Leipziger Straße 11
Das Textheft zum Stadtspaziergang erhalten Sie hier als PDF-Datei zum Herunterladen (2 MB).
Die Sonne bringt es an den Tag - Theater ROLLWAGEN
Merkwürdige Mordgeschichten aus der klassischen Literatur brachten Brunhild und Jörg Falkenstein vom Theater ROLLWAGEN am 15. Juli 2010 in der Kasseler Elisabethkirche zu Gehör.
In Texten von Adelbert von Chamisso, Johann Peter Hebel, Wilhelm Busch, Annette v. Droste-Hülshoff u.a. wurde deutlich, wie die Mordtat nicht nur als Rechtsbruch, sondern als schwerste Verletzung allgemein gültiger und dazu als heilig geltender Werte zugleich Abscheu und Faszination auslöst.
Seit 1982 spielen Brunhild und Jörg Falkenstein als Zwei-Personen-Theater ROLLWAGEN vorwiegend im Raum Nordhessen, Südniedersachsen und Ostwestfalen. Mehr als 50 Inszenierungen - von Molière bis Macbeth, von mittelalterlichen Schwänken bis Schiller, von Grimmschen Märchen bis Goethe - sind in dieser Zeit entstanden. Internet: www.theater-rollwagen.de
Kurzfilm (Shockwave-Flash), ca. 3 Min.
Unterwegs mit unserem Jesus - Predigt von Pfarrer Markus Steinert am 1. Mai 2010
Gerade im sündigen Menschen kann sich die Gnade und der Heilswille Gottes erst entfalten. Gott lässt den Menschen nicht los, sondern hält seinen Bund. So wird seine Herrlichkeit offenbar.
Johannesevangelium, Kapitel 13, Verse 31-33a.34-35
Dauer: 16 Min.
Wie kommt die Liebe in den Menschen? Predigt von Diakon Zlatko Mihajlov am 16. Mai 2010
Nur durch Liebe kommt die Liebe in den Menschen. Es gibt keinen anderen Weg. Was wir “Sünde” nennen, ist im Kern “Nicht-Liebe”. Gott, der die Liebe ist, hasst die Sünde, aber er liebt den Sünder.
Johannesevangelium, Kapitel 17, Verse 20-26
Dauer: ca. 14 Min.
Die Sünde bringt den Tod - Gott erweckt zum Leben. Predigt von Diakon Dietrich Fröba am 6. Juni 2010
Die Sünde bringt den Tod. Menschen im Gefängnis spüren dies unmittelbar - zumal dann, wenn man an den “sozialen Tod” denkt. Leben stirbt gewissermaßen ab, wenn Kontakte und Kommunikation zwischen Menschen abbrechen - sei es aufgrund der persönlichen Schuld, sei es aus Angst, Abgrenzung und Stigmatisierung von Seiten der Umwelt.
Demgegenüber: Gott erweckt zum Leben. Dies durften gerade Sünderinnen und Sünder erfahren, denen Jesus besonders gern begegnete, und die in seiner Gemeinschaft neu Lebenshoffnung schöpfen durften.
Lesungen: Erstes Buch der Könige, Kapitel 17, Verse 17 - 24; Lukasevangelium, Kapitel 7, Verse 11-17
Predigt im Gottesdienst der Justizvollzugsanstalt Kassel I
Dauer: ca. 9.45 Min.
Gefallen, Schachmatt - Jesus richtet Menschen auf - Ansprache von Hanna Hirschberger und Susanne Hold am 13. Juni 2010
Die Tischgenossen, die mit Jesus beim Gastmahl anwesend waren, fragen: Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt? Jesus ist einer, der die Gegensätze an einen Tisch bringt. Einer, der die Unterschiedlichkeit der Menschen aushält und zusammenhält. Und einer, der Wege eröffnet, andere neu wahrzunehmen und sie neu zu sehen.
Lukasevangelium, Kapitel 7, Verse 36 bis 50
Dauer: ca. 14 Min.
“Freiheit suchtverloren” - Predigt von Pfarrer Thomas Meyer am 26. Juni 2010
Sucht hat etwas mit Suchen zu tun. Auf der Suche nach Leben gerät der Mensch in Strukturen und Abhängigkeiten, die ihn letzendlich vom gelingenden Leben abschneiden. Die Begegnung mit Jesus hingegen hat die Kraft, Menschen aus Verengung und Abhängigkeit zu befreien - wie das Beispiel des Zöllners Matthäus zeigt.
Matthäusevangelium, Kapitel 9, Verse 9 bis 13
Dauer: ca. 16 Min.
Sehen und Ansehen - Predigt von Generalvikar Prof. Dr. Gerhard Stanke am 11. Juli 2010
Auf das Schauen kommt es an. Der Priester und der Levit sahen zwar den Ausgeraubten und Verletzten, ließen ihn aber liegen. Erst der Samaritaner ließ das, was er sah, sich zu Herzen gehen. Dadurch, dass er dem Mitmenschen Ansehen schenkte, ihm in seiner Not aufhalf und ihm so auch seine Würde zurückgab, wurde er ihm zum Nächsten.
Lukasevangelium, Kapitel 10, Verse 25-37
Dauer: ca. 14 1/2 Min.
"Der Herr hat mich gesandt zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit" - Predigt von Pfarrer Matthias Steinleitner am 24. Juli 2010
Im Gefängnis muss das Jesaja-Wort "zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit" unwirklich, realitätsfremd oder als Provokation wirken. Vielleicht würden Inhaftierte dem Pfarrer entgegnen: "Sie haben einen Schlüssel, schließen sie doch uns alle Türen auf!" Freiheit, wie sie die Bibel meint, kommt um die Realität der Schuld und ihrer Konsequenzen nicht herum, stellt dem aber etwas an die Seite: Der Mensch ist nicht nur das, was er getan hat. In ihm liegen Chancen. So kann er werden. Es geht um eine Freiheit des Herzens und des Denkens.
Jesaja, Kapitel 61, Verse 1 - 4
Dauer: ca. 14 Min.
Schuld, Strafe - und dann ein neues Leben?
Ein ehemaliger Inhaftierter blickt auf seine Gefängniszeit zurück. Im Nachhinein erkennt er, was daran für seinen Umgang mit seiner Schuld und für seinen zukünftigen Weg positiv war. Auch im Gefängnis gilt: Wenn Menschen einander in ihrer Not beistehen, sie Hilfe erfahren und Hilfe geben, dann wächst daraus eine Lebenskraft, die auch hinter Gittern Mut und Hoffnung verleiht.
Aus dem Gottesdienst in der Elisabethkirche am 24. Juli 2010
Dauer: ca. 6 Min.








